Bachelorarbeit über Künstliche Intelligenz: EBZ-Absolventin Enja Schellenberger im Interview

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Bachelorarbeit über Künstliche Intelligenz: EBZ-Absolventin Enja Schellenberger im Interview

Enja Schellenberger

Bildquelle: Enja Schellenberger

„We create our Real EstAIte for Future!“

Enja Schellenberger arbeitet als Projektmanagerin im Real Estate Consulting bei Drees & Sommer bautechnische Beratung Frankfurt GmbH. Im Januar 2020 schloss sie ihr berufsbegleitendes Studium an der EBZ Business School (FH) ab. Ihr Fach: Bachelor of Arts Real Estate (Distance Learning). Ihre Abschlussarbeit trägt den Titel „Künstliche Intelligenz in der Immobilienwirtschaft“ – und sie ist schlichtweg ausgezeichnet. Im Interview mit EBZ-Pressereferent Dr. Nils Rimkus begründet sie, warum sie gerade dieses techniklastige Thema wählte – obwohl sie sich selbst als „alles andere als technikaffin“ beschreibt.

Liebe Frau Schellenberger, viele Menschen assoziieren mit Künstlicher Intelligenz eher bedrohliche Szenarien. Wie sehen Sie das?

Wir leben in einer spannenden Zeit! Und es stellt sich die faszinierende Frage: Wie sieht sie aus – unsere Lebens-, Arbeits- und Immobilienwelt von morgen?

Und wie sieht sie aus?

(Lacht) Anders. Digitaler. Die ersten zaghaften Schritte der Digitalisierung erweisen sich bereits heute als evolutionär. Einzelne, vom Menschen geschaffene, virtuelle Puzzleteile lassen sich mehr und mehr zu einem schemenhaften Bild der Zukunft vernetzen. Das Zusammenspiel von Menschen und Maschinen wird sich zunehmend intensivieren, sowohl in der Gesellschaft als auch in der Wirtschaft. Unser Lebens-, Arbeits- und Immobilienwelt wandelt sich – insbesondere zu Zeiten der Corona-Krise.

Welche Rolle wird dabei Künstliche Intelligenz spielen in der Wirtschaft, im Berufsleben?

Neue Technologien pushen die Digitalisierung von Daten, die Automatisierung von Geschäftsprozessen und die Veränderung von Geschäftsmodellen – wir alle sind betroffen. Derzeit wird kaum ein Technologiethema so zahlreich und global diskutiert wie Künstliche Intelligenz, abgekürzt KI, aber auch bekannt im englischsprachigen Raum als Artificial Intelligenz, also AI. Ich glaube, mittlerweile hat jeder bereits davon gehört. Doch mit KI einhergehend kursieren zahlreiche, nicht eindeutig zuordenbare Begriffe, wie beispielsweise Maschine und Deep Learning sowie NLP.

Sie scheinen fasziniert zu sein von modernen Technologien. Haben Sie sich auf Basis dieser Faszination dazu entschlossen, ein solches Arbeitsthema zu wählen?

(Lacht) Nein, eher nicht. Ich persönlich bin alles andere als technikaffin und konnte lange Zeit nichts mit KI und dessen Formen und möglichen Anwendungsfällen sowie Einsatzgebieten anfangen. Doch mich reizte das Ungewisse. Ich bin und war neugierig auf Neues und interessiert an dem, was kommt. Ich wollte für mich persönlich Licht im Dunkeln schaffen, diese Bruchstücke intelligenter Algorithmen zusammensetzen, herausfinden, inwieweit wir und die gebaute Umwelt, meine Leidenschaft für Immobilien und ich betroffen sein würden.

Sie haben berufsbegleitend studiert: Haben Sie dann im Rahmen Ihrer Berufstätigkeit mit KI in der Immobilienwirtschaft zu tun gehabt?

Nein, überhaupt nicht. Ich habe mich nahezu vollständig ahnungslos in dieses mir bis dato unbekannte Themenfeld gestürzt. Ich nahm mir zum Ziel, das Thema so ganzheitlich wie möglich aufzuarbeiten, um KI und dessen vielseitigen Chancen und Risiken für die Immobilienwirtschaft „mit Blick über den Tellerrand“ zu verstehen – und letztlich an junge Studierende weiterzugeben, zu inspirieren und zu ermutigen, den Sprung ins kalte Wasser zu wagen, innovativ und verantwortungsbewusst zu denken und zu handeln.

Wenn Sie zurückblicken: Haben Sie schwer mit dem Thema gerungen?

Klar, bei meinen Recherchen und den Analysen durchlebte ich Höhen und Tiefen. Doch die Faszination und meine Vision eines Gesamtbildes und ehrlich gesagt auch die die Abgabefrist motivierten mich, am Ball zu bleiben.

In Bezug auf Ihren Beruf: Welche Erkenntnisse haben Sie gewonnen?

Grundsätzlich hat die Arbeit meinen Horizont erweitert. Ich konnte die wesentlichsten Puzzleteile zusammensetzen und ein Gesamtbild Künstlicher Intelligenz in der Immobilienwirtschaft kreieren. Für mich steht fest: KI ist eine Querschnitts- bzw. Allzwecktechnologie, die sich theoretisch in sämtlichen Geschäftsmodellen und -prozessen entlang des Lebens- und Investmentzyklus einsetzen lässt. Die tatsächlichen und potenziellen Anwendungsmöglichkeiten und Einsatzgebiete intelligenter Algorithmen sind insbesondere in der Immobilienwirtschaft, die Wirtschaft rund um unsere gebaute Umwelt, schier endlos.

Erklären Sie doch kurz, wer und was eigentlich diese KI ist.

Je nach Ausmaß des künstlich intelligenten Verhaltens von Maschinen, die biologische Intelligenzsysteme nachbilden, wird zwischen starker und schwacher KI unterschieden. Eine starke KI weist mindestens die gleichen intellektuellen Fähigkeiten wie der Mensch auf, sodass sie theoretisch mit ihren tiefgreifenden Lernprozessen selbstständig jedes Problem lösen und jedes Ziel erreichen kann. Entwickelt eine starke KI ein Eigenleben mit rekursiver Selbstverbesserung zur Superintelligenz, wird in der Forschung und Entwicklung von Singularität gesprochen. Ob und wann eine starke KI entwickelt wird, ist unklar …

… was mich einigermaßen beruhigt. Es ist also nicht zu erwarten, dass demnächst Hausmeister durch Roboter ersetzt werden?

Nein, eher nicht. Derzeit beschränken sich die aktuellen Anwendungsfälle in der Immobilienbranche auf hoch spezialisierte Einsatzgebiete, um bestimmte Probleme zu lösen und spezifische Ziele mit Hilfe intelligenter Algorithmen zu erreichen. So sind bei Abweichungen von Standards, die in der heterogenen und ganz unten komplexen Immobilienbranche zum Alltag gehören, nach wie vor Menschen gefragt. Dennoch wandelt sich in unserer Arbeitswelt die Bedeutung der menschlichen Arbeitskraft, und auch in der Immobilienwirtschaft ist mit einer Disruption von Berufszweigen zu rechnen.

Wie kann KI in der Immobilienwirtschaft eingesetzt werden?

KI-PropTechs setzen mit ihren neuen, teilweise disruptiven und autonomen Geschäftsmodell-Innovationen Impulse für Veränderungen. Schon heute wandelt sich insbesondere das Daten- und Dokumentenmanagement in und rund um Immobilien. KI ermöglicht weitere Automatisierungen der Digitalisierung von Daten und deren maschineller Verarbeitung in Form von vielfältigen Analysen. Die Plattformisierung der Branche ist zunehmend KI-gestützt. KI fördert das Entstehen digitaler Geschäftsmodelle und autonomer Geschäftsprozesse. Innovative Services und Dienstleistungen rund um Immobilien entstehen. Intelligente Smart Contracts verändern das Vertragsmanagement. KI-basierte Chatbots ermöglichen zudem automatisierte Kommunikationen zwischen Menschen und Maschinen in natürlicher Sprache und das in Echtzeit. Gebäude werden mit intelligenten Sensoren und digitaler Infrastruktur ausgestattet, sie werden immer smarter und selbstregulierender.

Damit sind wir beim Thema Smartes Wohnen bzw. Smart Buildings. Wie weit sind hier die Entwicklungen von KI gediehen?

Derzeit befindet sich das Entstehen von Smart Buildings branchenweit in einem frühen Entwicklungsstadium. Die Transformation in die Praxis vollzieht sich langsam. Aber je nach Innovationsfähigkeiten und -aktivitäten, Agilität sowie Kreativität, wird KI mit unterschiedlicher Intensität Veränderungen und Neuausrichtungen von Geschäftsmodellen und -prozessen bewirken. Insbesondere die Orte und Gesetzmäßigkeiten bestehender Prozesslandschaften werden KI-getrieben aufgebrochen und neu ausgerichtet. Somit intensiviert KI den Organismus „Mitarbeiter-Maschine-intelligente Immobilie-digitaler werdender Nutzer“.

Wo und wie kann KI sinnhaft eingesetzt werden?

KI könnte der Bewältigung der Big-Data-Hemmnisse dienen, um digitale Daten als Rohstoff der Zukunft, auch der immobilienwirtschaftlichen nutzbar zu machen. Auch kann KI das Wissen und die Vorhersehbarkeit vielfältig steigern und zu einer für die Immobilienwirtschaft unüblichen Transparenz beitragen. Neue Wertschöpfungspotenziale bzw. -quellen könnten zur Steigerung der Kunden- bzw. Nutzerorientierung sowie Individualität und Flexibilität identifiziert werden. Standardisierungen, Automatisierungen und Beschleunigungen von Prozessen fördern die Effizienz, Leistung, Produktivität sowie Rentabilität und führen bestenfalls zu Energie-, Ressourcen-, Kosten- und Zeiteinsparungen.

Effizienz, Produktivität, Rentabilität – der Nutzen für Unternehmen ist evident. Welcher Nutzen bleibt dem Menschen?

Für uns kann KI bedeuten: ein mehr an Zeit und Raum für kreative Denkprozesse, Innovationen und anspruchsvolle Kerntätigkeiten; ein mehr an Zufriedenheit für uns sowie Nutzer und bestenfalls sonstige Share- und Stakeholder.

Ist das Zukunftswunsch oder Realität?

Es ist ein wenig Zukunftsmusik, aber ich bin optimistisch, dass es so kommt. Aktuell allerdings erfordern die eingeschränkte Funktionsweise, die teilweise mangelnde Nachvollziehbarkeit und Intransparenz von KI sowie die mangelhaften Daten ein hohes Maß an Kontrollaufwand. Selbst für Forscher und Entwickler kann KI eine Blackbox darstellen. Vielseitige Sicherheitsdiskussionen und das Spannungsfeld zwischen Intim- und Privatsphäre, Informations- und Datenfreiheit und -schutz sowie gläserner werdende Nutzer und Branchenakteure sind vor allem in und rund um Immobilien sensibel und kritisch zu reflektieren. KI treibt die Notwendigkeit von Cyber-Security-Maßnahmen und besonderer Verantwortungs- und Haftungsvorkehrungen an.

Welche Probleme sehen Sie am Horizont des Themas KI in der Immobilienbranche?

Zahlreiche Fragen sind ungeklärt, zahlreiche Unwägbarkeiten bestehen auch in Zukunft. Die Tiefe und Intensität der ganzheitlichen Veränderungen in der Immobilienwirtschaft werden sich erst sukzessive abzeichnen. Ich bin mir sicher, dass früher oder später wir alle von den KI-getriebenen Veränderungen betroffen sein werden. Denn es ist zu erwarten, dass mit wachsendem Big-Data-Volumen digitaler Intrastrukturen und steigender Leistungsfähigkeit der Allzwecktechnologie die Dynamik und Vielfalt der KI-getriebenen digitalen Transformation in und rund um Immobilien zunehmen wird. Mit Blick in die Zukunft lässt sich bereits heute erahnen, dass sich der evolutionäre Charakter Künstlicher Intelligenz insbesondere in der Immobilienwirtschaft zeigen wird. Dies wird sich auf die Lebens- und Arbeitswelten von uns allen auswirken. Doch wir, als Menschen, sollten hierbei heute und in Zukunft im Fokus stehen!

Es hört sich an, als könnten wir das Rad der Zeit nicht mehr zurückdrehen und sollten springen, dass es uns nicht überrollt.

Das ist mir zu pessimistisch, ich sehe nicht schwarz. Mein Fazit lautet eher: Die Zeiten einer alt eingesessenen Immobilienbranche sind passé. KI ist chancenreich und kann uns eine Lebens-, Arbeits- und Immobilienwelt mit einem Mehr an Zeit, Kreativität, Innovation, Komfort etc. kreieren. Doch schon heute sollten wir uns der Risiken insbesondere im Kontext mit Immobilien und einer noch überwiegend konservativen Branche bewusst sein und aktiv werden. Denn für mich steht ebenfalls fest, dass KI von unserem Mitwirken als angehende Immobilienexperten und -nutzer abhängt. Es ist eine gesunde Zukunft mit branchenweit nachhaltigem, nutzbringendem sowie kontrolliertem KI-Einsatz sicherzustellen. Dafür braucht es verantwortungsbewusste KI-Experten mit Branchen-Know-how – ich nenne sie Real EstaITe Experten. Das Motto sollte lauten: „We create our Real EstAIte for Future!“

Was braucht es für die Umsetzung?

Uns. Aktiv, nicht passiv. Raus mit uns aus der Komfortzone. Wir geben die Richtung an. Innovativ und visionär, kreativ und mutig. Wir müssen aus unseren persönlichen Blasen herauskommen und einen bewussten Blick über den Tellerrand wagen. Jeder darf und sollte seinen ganz individuellen Beitrag leisten. Denn mit unserem Denken und Handeln können wir schon heute eine KI-gestärkte Immobilienwelt der Zukunft nach unseren Vorstellungen gemeinsam und solidarisch gestalten!

Nach diesem mutmachenden Schluss: Was können Sie heute oder bald Studierenden mit auf den Weg geben?

Ich kann euch nur den Rat geben, zu hinterfragen bzw. in euch reinzuhören, was euch persönlich beschäftigt. Nutzt eure wissenschaftlichen Arbeiten dazu, euren persönlichen Interessen und Leidenschaften in Kombination mit eurem Studium auf den Grund zu gehen und kombiniert diese beiden Bereiche eures Lebens mutig. Ich bin mir sicher, dass sehr spannende und motivierende Themenfelder aufgearbeitet werden, die einen nachhaltigen Beitrage leisten können – und die euch gut durch das Schreiben eurer Arbeit bringen werden.

 

Hier gibt es den Abstract der Bachelor-Thesis von Enja Schellenberger – KI in der Immobilienwirtschaft – zum Download

 

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