Baukultur als Faktor für Lebensqualität – Historische Klein- und Mittelstädte angemessen bewerten

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Historische Bausubstanz wie hier in Zittau kann zur Lebensqualität in Klein- und Mittelstädten beitragen. Sie ist aber nicht automatisch Garant dafür. Bildquelle: Zittauer Stadtentwicklungsgesellschaft mbH

Baukultur als Faktor für Lebensqualität – Historische Klein- und Mittelstädte angemessen bewerten

Mit ihren historischen Stadtkernen weisen viele Klein- und Mittelstädte in Deutschland und Europa eine besondere Lebensqualität auf. Die meisten Studien und Städte-Rankings berücksichtigen dieses Potenzial von kulturellem Erbe allerdings kaum. Damit die Lebensqualität von kleineren Kommunen besser abgebildet werden kann, haben Forschende des Leibniz-Instituts für ökologische Raumentwicklung, des Internationalen Hochschulinstituts (IHI) Zittau der Technischen Universität Dresden und des polnischen Instituts für Territoriale Entwicklung (IRT) eine Liste relevanter Indikatoren entwickelt. Im Fachjournal „Environmental and Sustainability Indicators“ stellen sie ihre Forschungsergebnisse vor.

Soll die Lebensqualität von Klein- und Mittelstädten adäquat ermittelt werden, müssen andere Maßstäbe angelegt werden als an Großstädte. Das klingt plausibel, wird aber in vielen Studien zur Lebensqualität von Städten und in Städte-Rankings kaum berücksichtigt. Das ist das Ergebnis von Untersuchungen im Projekt „REVIVAL! – Revitalisierung der historischen Städte in Niederschlesien und Sachsen“. Das deutsch-polnische Forschungsteam um Projektleiter Prof. Dr. Robert Knippschild vom Leibniz-Instituts für ökologische Raumentwicklung (IÖR) hat bei seinen Untersuchungen vor allem das kulturelle Erbe historischer Klein- und Mittelstädte entlang der Grenze zwischen Sachsen und Polen in den Blick genommen.

Die Wissenschaftler*innen haben untersucht, inwieweit kulturelles Erbe – vor allem die Baukultur in historischen Stadtkernen, aber auch immaterielles Erbe wie etwa Handwerkstraditionen – zur Lebensqualität von Klein- und Mittelstädten beiträgt. Um diesen Beitrag besser messbar zu machen, haben sie ein ganzes Set an relevanten Merkmalen zusammengetragen. Die Liste zählt im Moment mehr als 100 dieser Indikatoren.

Vorzüge von Klein- und Mittelstädten messbar machen

„Bis heute spielt das kulturelle Erbe in Studien zu städtischer Lebensqualität kaum eine Rolle. Ganz anders als etwa ökonomische oder ökologische Aspekte, bei denen Großstädte oft punkten können“, erläutert Studienleiter Robert Knippschild. Kleinere Städte schnitten damit in Rankings zwangsläufig schlechter ab. „Diese schlechteren Ergebnisse können eine regelrechte Negativ-Spirale in Gang setzen, denn die Außenwahrnehmung beeinflusst auch die Innenwahrnehmung der Städte. Vor allem in peripher gelegenen Städten können dadurch ohnehin problematische Entwicklungsdynamiken noch verstärkt werden“, erläutert Knippschild. Diese Dynamiken möchte das Forschungsteam mit den gewonnenen Erkenntnissen durchbrechen.

Anhand von Literaturrecherchen, Experteninterviews und Fokusgruppengesprächen in verschiedenen Klein- und Mittelstädten ist die Liste möglicher Indikatoren entstanden. Sie soll helfen, Vorzüge historischer Klein- und Mittelstädte besser sicht- und messbar zu machen. „Ließe sich der Beitrag des kulturellen Erbes zur urbanen Lebensqualität messen und quantifizieren, wäre es viel einfacher, sein Potenzial auch in Politik und Planung zu aktivieren“, erläutert Robert Knippschild.

Potenziale von Baukultur durch gutes Management aktivieren

Das haben auch die Aktivitäten im Projekt REVIVAL! gezeigt, in dessen Rahmen die Indikatoren-Liste entwickelt wurde. Die Feldforschung in den zehn Projektpartnerstädten entlang der sächsisch-polnischen Grenze untermauert die theoretischen Erkenntnisse des Forschungsteams. Nicht nur machten die Fokusgruppengespräche in den Kommunen deutlich, wie reichhaltig das baukulturelle Erbe vor Ort tatsächlich ist. Die Wissenschaftler*innen folgern in ihrer Studie, dass es zu allen Dimensionen von Lebensqualität in den kleinen und mittleren Städten beitragen kann. Deutlich wurde aber auch, dass es von den lokalen Rahmenbedingungen abhängt, ob die Städte das Potenzial ihres kulturellen Erbes auch aktivieren können.

„Die bloße Existenz von historischer Bausubstanz und immateriellem Erbe impliziert nicht, dass sie automatisch auch einen Beitrag zur Lebensqualität in den Städten leisten. Es handelt sich um ein Potenzial, das durch ein integriertes Management aktiviert werden muss“, erläutert Robert Knippschild vom IÖR. „Das braucht ein Bewusstsein für diese Dinge, aber auch Engagement, ein gutes Zusammenwirken zwischen Stadtverwaltung und Bürgerschaft und nicht zuletzt finanzielle Spielräume vor Ort.“ Diese finanziellen Möglichkeiten hat ein Stück weit das Projekt REVIVAL! geboten. Im Zuge des Projektes haben die vier deutschen und sechs polnischen Städte je eine Pilotmaßnahme umsetzen und so ihr baukulturelles Erbe für Bewohner*innen und Gäste sichtbarer machen können.

Die Liste der Indikatoren, die künftig den Beitrag von kulturellem Erbe zur Lebensqualität von Städten messbar machen könnte, ist noch nicht abgeschlossen. Die Indikatoren müssen durch weitere Forschung erprobt und verfeinert werden. Und sie müssen Eingang finden in Studien zu städtischer Lebensqualität und in die viel beachteten Städte-Rankings.

Hintergrund

Von Oktober 2018 bis Dezember 2020 widmeten sich im Projekt „REVIVAL! – Revitalisierung der historischen Städte in Niederschlesien und Sachsen“ drei wissenschaftliche Einrichtungen und zehn Städte in Südwestpolen und Ostsachsen der Frage, wie Klein- und Mittelstädte im ländlichen Raum ihr baukulturelles Erbe besser nutzen und so die Attraktivität ihrer Innenstädte steigern können.

Die wissenschaftlichen Partner waren das Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR, Projektleitung), das Internationale Hochschulinstitut (IHI) Zittau der Technischen Universität Dresden und das Instytut Rozwoju Terytorialnego (IRT, Institut für Territoriale Entwicklung) der Woiwodschaft Niederschlesien in Polen. Als Praxispartner gehörten vier deutsche und sechs polnische Städte zum Verbund. Auf deutscher Seite waren das die Städte Bautzen, Görlitz, Reichenbach und Zittau, auf polnischer Seite die Städte Bolesławiec, Gryfów Śląski, Kamienna Góra, Lubawka, Lubomierz und Żary.

Im Rahmen des Projektes sind eine wissenschaftliche Studie und daraus abgeleiteten Strategieempfehlungen für die Städte und die Region entstanden. Außerdem haben die Städte Pilotmaßnahmen zur Belebung ihrer Innenstädte sowie eine gemeinsame Veranstaltungsreihe umgesetzt. Eine Wanderausstellung und eine interaktive Webanwendung informieren ebenfalls über das Projekt.

REVIVAL! wurde im Rahmen des Kooperationsprogrammes INTERREG Polen-Sachsen 2014-2020 gefördert. Es erhält aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) 877.544 Euro. Das entspricht 85 % des Gesamtvolumens von 1.032.906 Euro. Die restlichen Mittel haben die Projektpartner aufgebracht.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Prof. Dr. Robert Knippschild (IÖR), E-Mail: R.Knippschild@ioer.de

Bettina Knoop (IHI Zittau der TU Dresden), E-Mail: B.Knoop@ioer.de

Originalpublikation

Battis-Schinker, Eva; Al-Alawi, Sarah; Knippschild, Robert; Gmur, Karolina; Ksiazek, Slawomir; Kukula, Marta; Belof, Magdalena: Towards quality of life indicators for historic urban landscapes – Insight into a German-Polish research project. In: Environmental and Sustainability Indicators (Online First), 2020, 100094. DOI: https://doi.org/10.1016/j.indic.2020.100094

Weitere Informationen

http://revival.ioer.eu/ – Internetseite des EU-Projektes REVIVAL!

Autorin des Textes

Heike Hensel Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung e. V.

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