Ein Jahr IW.2050: Marathon mit Gleichgesinnten

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Abstimmung beim Gründungstreffen der Initiative Wohnen.2050 im Jahr 2020. Bildquelle: www.iw.2050.de

Ein Jahr IW.2050: Marathon mit Gleichgesinnten

Die erste Jahresversammlung der Initiative Wohnen.2050 (IW.2050) Anfang Mai 2021 unterstrich den Leuchtturm-Charakter dieses bundesweiten Netzwerks der Wohnungswirtschaft. Die Initiatoren verzeichneten bereits im Startjahr ein großes Interesse innerhalb der Branche: Bereits 88 Unternehmenspartner sowie zehn Institutionen gehören dem Zusammenschluss an, nahezu wöchentlich kommen neue hinzu. Umfangreiche bisherige Arbeitsergebnisse dienen als Basis für die unternehmerische Beweisführung der Verbände gegenüber der Politik in Fragen und Entscheidungen zur Klimawende. Impulsvorträge informierten im Kongressteil der Jahresversammlung über Best Practice und Forschungsthemen.

Etwas über ein Jahr ist seit Gründung der Initiative Wohnen.2050 (IW.2050) vergangen – Zeit für einen ersten Rück- und Ausblick des Unterstützer-Netzwerks, das inzwischen fast 100 Partner umfasst. Coronabedingt kamen sie am 5. Mai 2021 online zu ihrer ersten Jahresversammlung zusammen. Axel Gedaschko, Präsident des GdW Bundesverbands deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen e. V. und Vorstandsvorsitzender der IW.2050 brachte es in seiner Begrüßungsrede gleich auf den Punkt: Die bisherige Arbeit sei ein voller Erfolg und zeige, wie groß das Austauschbedürfnis – aber auch die Unsicherheit – in der Branche sei. Circa 30 Prozent aller Wohneinheiten des GdWs seien jetzt in der IW.2050 vertreten. „Es sind schon viele, die Gas geben, die Bereitschaft sowie den Willen zeigen, etwas zu

tun.“ Nur durch die Zuarbeit aller bisherigen Partner haben IW.2050 und GdW gemeinsam Werkzeuge schaffen können, die eine einheitliche Indikatorenwelt und Arbeitshilfen zur Vergleichbarkeit in der Branche erlaubten – wie beispielsweise ein CO2-Monitoring. Die Ergebnisse seien Grundlagen für einen fundierten Praxisbericht und kämen letztlich allen GdW-Mitgliedern zugute – auch denen, die derzeit noch zögerlich am Rand abwarten. Wichtiges Ziel des Zusammenschlusses aus Wohnungsunternehmen und ihren Verbänden sei die unternehmerische Beweisführung für die Politik: „Zeigen, was geht. Umsetzen, was geht. Aber auch die Grenzen des Machbaren – des Sozialverträglichen – aufzeigen“, resümiert Gedaschko. Ebenso wie Felix Lüter, geschäftsführender Vorstand der IW.2050, zeigte auch er sich beeindruckt von der bisherigen Arbeit und dem bundesweiten Interesse innerhalb der Branche. Die IW.2050 sei eine Leuchtturm-Initiative, die zahlreiche Wohnungsunternehmen aller Größenklassen und Gesellschaftsformen dabei unterstütze, ihre individuellen Strategien zur Erreichung der Pariser Klimaziele zu entwickeln. Durch Pionier-Themen, bearbeitet von Partnerunternehmen, gelangen Erfahrungswerte sowie Lösungsansätze zum Austausch in die Gruppe. Anvisierte thematische Schwerpunkte: Personalentwicklung im Kontext des Klimaschutzes, Optimierung des Heizanlagenbetriebs, Nutzerverhalten, das Verständnis zur Berechnung Grauer Emissionen sowie der Vergleich zwischen Holzbauten und konventionellen Bauten.

„Üben, üben, üben“

Mittlerweile 88 Unternehmenspartner (Stand 1. Juni 2021) in 13 Bundesländern mit aktuell insgesamt rund 1,8 Millionen Wohneinheiten sowie zehn institutionelle Partner (darunter der GdW, acht Regionalverbände, die EBZ) vereint der unabhängige Zusammenschluss derzeit. Weitere 35 Interessenten aus zehn Bundesländern zeigen sich an einem Beitritt interessiert. Ein voller Erfolg – auch aus Sicht des stellvertretenden Vorstandes der IW.2050 und Leitenden Geschäftsführers der Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte I Wohnstadt (NHW), Dr. Thomas Hain. Das Ziel, mit Gründung der IW.2050 eine Plattform, einen Katalysator für die Umsetzung der Klimaziele in der Wohnungswirtschaft zu schaffen, sieht er in einem ersten Schritt erreicht. Auf der Suche nach einer eigenen Klimastrategie hat er in seinem Unternehmen bereits erfahren, wie ressourcen- und zeitintensiv sich diese Arbeit gestaltet. In Folge hatte er die Gründung der IW.2050 initiiert. Sein Motto: „Alleine stößt man an Grenzen. Es ist besser, gemeinsam nach Lösungen zu suchen.“ Besonders die neuen Regelungen zur CO2-Abgabe müssten sehr ernst genommen werden und stellten die Unternehmen vor große Herausforderungen. Hier seien individuelle Lösungen auf Basis aller zu Verfügung stehenden regenerativen Technologien gefragt, so Hain.  Eine einheitliche Patentlösung für alle, fügt Felix Lüter hinzu, sei nicht absehbar. Sein Fazit daher: „Bis 2025 heißt es: üben, üben, üben!“

„Auf die Umsetzung kommt es an“

Julia Antoni, Stellvertretende Vorständin der IW.2050 und Bereichsleiterin Unternehmensentwicklung und Kommunikation bauverein AG, sieht die IW.2050 auf dem richtigen Weg: „Wir müssen einen Marathon mit vielen Gleichgesinnten absolvieren.“ Das Energie- und Klima-Thema gehöre für alle im eigenen Unternehmen fest verankert. Dazu seien neue Kompetenzen zu entwickeln.

Besonders Photovoltaik-Maßnahmen und die Möglichkeiten der Digitalisierung gelte es bestmöglich auszubauen. Aber auch die Sektorenkopplung am Quartier könne 20 bis zu 30 Prozent Energieeinsparung bringen und so, neben erfolgreichen Dämmmaßnahmen, die noch fehlenden Einsparungen ermöglichen. Ziele seien für Antoni schnell formuliert – letztlich, so konstatiert sie, „kommt es auf die Umsetzung an.“

Die Technologie-Vielfalt und deren Möglichkeiten, aber auch der aktuelle Status quo in der Anwendung im Wohnungsbestand wurden in anschließenden Impulsvorträgen erörtert. Prof. Dr.-Ing. Viktor Grinewitschus, Prorektor für Forschung, Professur für Energiefragen der Immobilienwirtschaft an der EBZ Business School, eröffnete die Vortragsrunde mit dem Forschungsprojekt „BaltBest – Einfluss der Betriebsführung auf die Effizienz von Heizungsaltanlagen im Bestand“. Er präsentierte ein großes Potenzial für die Effizienzsteigerung von Bestandsanlagen: Der Großteil der untersuchten Bestandsanlagen sei derzeit überdimensioniert und sorge für eine Überversorgung der Immobilien. Wärme würde oftmals einfach „weggelüftet“. Smart Home und Assistenzsysteme könnten von vielen Bewohnern noch nicht richtig bedient werden. Eine durchaus mögliche energieeffiziente Arbeitsweise der Heizungsanlagen scheiterte derzeit bereits schon in der technischen Betriebshandhabe vor Ort durch die Bewohner und Installateure. Auch Dr. Lars Dittmann, Vonovia, und Sebastian Rühl, LEG Wohnen, trugen ihre Pro- und Contra- Ergebnisse unter dem Titel „Aus der Praxis der Anlagenoptimierung und zur Perspektive der betroffenen Unternehmen“ vor. Sie führten unter anderem aus, dass Anlageoptimierung in der Masse nur durch digitale Lösungen erfolgen könne.

Wesentlicher strategischer Schritt sei die Kooperation mit Partnern unter anderem bei der digitalen Fernüberwachung.

Digitalisierung und Änderung des Nutzerverhaltens

Erhöhte Aufmerksamkeit im Kontext der Wärmewende müsse jedoch dem Sensibilisieren der Mieter, auch in Bezug auf digitale Anwendungen, gewidmet werden. Wie wichtig und schwierig es ist, das menschliche Nutzerverhalten zu verändern und worauf es dabei ankommt, erörterte Prof. Dr. Maren Urner, Professorin für Medienpsychologie am Campus Köln der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW), in ihrem Impulsvortrag. Besonders entscheidend sei es, Rahmenbedingungen zu schaffen, die eine Veränderung im Verhalten der Nutzer auf einfache Art und Weise ermöglichten. Sie empfahl die Selbstwirksamkeit auf drei Kriterien zu überprüfen: 1. Homo ludens (der spielende Mensch): Gamification 2. Soziale Verbundenheit (Gruppendynamik) 3. Teilhabe (Mitbestimmung). Auch ein Perspektivwechsel der Wohnungsunternehmen in die Nutzersicht könne hilfreich sein, um die richtigen Weichen für ein neues, klimabewusstes Verhalten zu stellen. Urner wies darauf hin, dass aus Langzeit- Studien basierend auf internationalen Daten zu gesellschaftlichem Wandel hervorging, dass, wenn nur 3,5 Prozent einer Gruppe ihr Verhalten ändern, dies auch in der breiten Masse verankert werden könne. Eine kleine Gruppe könne Großes in Gang bringen und somit neue Maßstäbe setzen. Anreize über einfache Belohnungssysteme motivierten und stärkten Verhaltensänderungen zusätzlich – vorausgesetzt, sie seien für alle gut nachvollziehbar und verständlich.

Eine Theorie, die Dirk Büsing, VIVAWEST Fachbereichsleiter Technische Produktentwicklung und Innovation, im Rahmen bisheriger Projektergebnisse in Teilen bestätigt sieht. Im letzten Impulsvortrag der Veranstaltung ging er auf die „Beeinflussung des subjektiven Nutzerverhaltens und optimale Betriebsführung von Heizanlagen“ ein. Der Bedeutung des individuellen Nutzerverhaltens komme dabei eine vielschichtige Rolle zu. Gemäß seiner Praxiserfahrung differenziert er in allgemeine Nutzerfaktoren – wie Alter, Sozialstruktur, ökonomische Situation etc. – und persönliches Nutzerverhalten – wie Norm, Lebensstil und -situation, Komfortanspruch, beanspruchte Wohnfläche, Wissen etc. Nicht zuletzt übe auch die eigene, konkrete Situation des Mieters, sein Wissen, seine Wahrnehmung und Motivation entscheidenden Einfluss auf das energieeffiziente Verhalten aus.

Der grundsätzliche Erfolg der Energiewende hängt maßgeblich daher nicht nur an den umweltfreundlichen neuen technischen Komponenten, die energieeffizient – auch in Sektorenkopplung – zum Einsatz kommen. Ein Großteil des Erfolges ist ebenso abhängig davon, wie Bewohner, Mieter und alle Menschen eines Quartiers auf dem Weg zur Klimaneutralität mitgenommen werden und diese ihr Nutzerverhalten aktiv im Alltag umstellen. Ihr Einfluss wird umso größer, je weniger Energie die Gebäude aufgrund ihrer baulichen und technischen Optimierung verbrauchen.

Eine positive Resonanz der bislang erzielten Ergebnisse der IW.2050 zogen gegen Ende des Kongressteils die Verbandsdirektoren Dr. Axel Tausendpfund, VdW südwest, und Alexander Rychter, VdW Rheinland-Westfalen. Beide sehen in der geleisteten Arbeit große Unterstützung und einen Mehrwert für die gesamte Branche.

Partner entlasten Vorstand

Der vereinsrechtliche Teil der Jahresversammlung am Nachmittag konnte kurz gehalten werden: Die Vorstellung des Jahresabschlusses 2020 sowie die präsentierte Jahresplanung 2021 stieß auf positives Echo bei allen Partnern. Nach Zustimmung in allen Punkten erhielt die IW.2050 grünes Licht für ein erfolgreiches „weiter so“ im anstehenden Geschäftsjahr 2021/22 – darunter ein Angebot für „Neustarter“ sowie das Lancieren weiterer Pionierthemen.

Über die Initiative Wohnen.2050

Die Initiative Wohnen.2050 (IW.2050) ist ein bundesweiter Branchen-Zusammenschluss. Das Ziel: Die CO2-Emissionen der teilnehmenden Unternehmen gemäß dem Pariser Klimaschutzabkommen so zu minimieren, dass das globale „Kleiner-Zwei-Grad-Ziel“ eingehalten wird. Die Initiative versteht sich als Unterstützer der Wohnungsunternehmen und ihrer Verbände zur Erreichung der Klimaziele – aus der Branche für die Branche. Unter den bislang 88 Unternehmenspartnern sind acht der zehn größten Wohnungsunternehmen in Deutschland. Insgesamt vereinen die Gesellschaften rund 1,8 Millionen Wohneinheiten, die bis 2050 klimaneutral entwickelt werden sollen. Weitere zehn institutionelle Partner sind die Hochschule EBZ Business School, der Spitzenverband GdW – Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen sowie die Regionalverbände VdW südwest, VdW Rheinland-Westfalen, VSWG – Verband Sächsischer Wohnungsgenossenschaften, VdW Sachsen, VdW Bayern, VdWNB – Verband der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft in Niedersachsen und Bremen, Vbw Baden-Württemberg und der BBU – Verband der Berlin-Brandenburgischen Wohnungsunternehmen. Mehr Informationen zur Initiative Wohnen.2050 unter: www.iw.2050.de, twitter.com/Wohnen2050 und im eigenen Youtube-Kanal: https://www.youtube.com/channel/UCd9Amq_dwa53i9xXFEJK8BA

 

 

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